Klischees über die Franzosen: Wie kann man zwischen wahr und falsch unterscheiden?

Klischees über die Franzosen: Wie kann man zwischen wahr und falsch unterscheiden?

Geschrieben am 08.11.2018, von Jean-Luc | Kategorie Kultur & Traditionen

Die Freunde von Baguette und Käse sind nicht sehr arbeitsam, sind mürrisch und arrogant, aber auch elegant und Feinschmecker. Sie haben es erraten: Dies sind die gängigen Klischees über Franzosen.

Tatsächlich haften den Bewohnern Frankreichs etliche vorgefasste und oft widersprüchliche Vorstellungen an. Warum sind sie so hartnäckig? Anhand welcher historischen Fakten lässt sich die Existenz dieser Stereotypen erklären? Wie stehen wir im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn da? Nehmen wir eine Stichprobe von Nicht-Einheimischen und fragen wir sie, welche Stereotypen sie mit den Franzosen verbinden.

Sie werden überrascht sein! Nach einem kurzen Brainstorming werden Sie feststellen, dass viele mehr oder weniger zutreffende Aussagen regelmäßig wiederkommen.

Das französische Klischee in wenigen Worten:

Wenn wir einen kurzen Überblick über die häufigsten Vorurteile gegenüber Franzosen geben müssten, dann würden diese wie folgt aussehen:

1) Was die Kleidung angeht, so trägt der typische Franzose eine Baskenmütze, einen roten Schal und eine gestreifte Weste namens „Marinière“.
2) Unterwegs haben Franzosen gerne ein Baguette unter dem Arm, weil sie es tagein, tagaus in Massen verschlingen.
3) Kochen und Essen sind besonders wichtig in ihrem Leben. Frankreich ist das Land von Käse, Rotwein, Schnecken und Froschschenkel.
4) Die Franzosen arbeiten wenig, sie sind besonders urlaubsfreudig und demonstrieren oder streiken gern aus jedem beliebigen Anlass.
5) Französische Frauen verkörpern eine gewisse Eleganz, sind besonders auf ihre Linie bedacht und stehen auf Haute Couture.
6) Die Franzosen, insbesondere in Paris, sind keine Vorbilder an Höflichkeit: Sie sind sehr direkt, teils sogar arrogant und herablassend gegenüber anderen, insbesondere Touristen.
7) Franzosen sind galant und sehr romantisch.
8) Sie sind keine Vorbilder in Bezug auf Hygiene, was ihre ausgeprägte Vorliebe für Parfüms erklärt.
9) Die Franzosen gehören nicht zu den Klassenbesten, wenn es darum geht, sich in einer Fremdsprache auszudrücken.
10) Als neugierige Feingeister mag der Franzose Literatur, die „Cafés philo“ und endlose Debatten, um die Welt zu verändern.

Jedes französische Stereotyp enthält eine Portion an Wahrheit.

Was das Baguette betrifft, so verkaufen die 35.000 Bäckereien in Frankreich fast sechs Milliarden Baguettes pro Jahr. Mit anderen Worten, auch wenn der Brotkonsum in Frankreich von Jahr zu Jahr abnimmt, sind die Franzosen nicht bereit, auf ihr sakrosanktes Baguette zu verzichten!

In Europa sind die Franzosen nicht die größten Konsumenten von Brot. Die Deutschen, Bulgaren, Serben, Zyprioten und Griechen sind uns weit voraus. So sind die Deutschen mit 85 kg pro Person und Jahr Europameister im Vergleich zu unseren bescheidenen 58 kg pro Jahr.

Was die französischen Essgewohnheiten betrifft, so ist es richtig, dass Mahlzeiten ein wichtiger Moment im Tagesablauf sind. In Frankreich kann die Mittagspause im Gegensatz zu Deutschland oder der Schweiz mehr als eine Stunde oder sogar eineinhalb Stunden betragen. Die französische Gastronomie (insbesondere das Gebäck) ist weltbekannt. Was die berühmten Pommes frites betrifft, so können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob es die Franzosen oder die Belgier waren, die sie erfunden haben.

Es ist übertrieben zu sagen, dass die Franzosen nicht viel arbeiten. Allerdings beträgt die gesetzliche Arbeitszeit 35 Stunden pro Woche, was im Vergleich zu Deutschland oder den USA (40 Stunden) nicht viel ist. Allerdings sind die Franzosen 15 % produktiver als die Deutschen, und, wie viele andere Länder auch, haben wir fünf Wochen bezahlten Urlaub pro Jahr.

Sind die Franzosen große Käsekonsumenten? Das steht außer Frage! Mit mehr als 26 Kilo Käse, die in Frankreich pro Jahr und pro Person verzehrt werden, sind wir zweifellos Käseweltmeister. Was den Spitznamen „Froschfresser“ oder „Froggies“ angeht, den uns unsere Nachbarn jenseits vom Kanal zuschreiben, so erscheint er nicht gerechtfertigt. Denn vergessen wir nicht, dass Froschschenkel vor allem im Urlaub oder in Restaurants gegessen werden. Darüber hinaus werden sie auch in Louisiana, der Karibik, in Quebec sowie in einigen afrikanischen Ländern gegessen. Es handelt sich also nicht um eine französische Besonderheit!

Jedes Klischee hat einen historischen Ursprung.

So wie es nationale Klischees gibt, gibt es auch regionale Klischees. Wenn Sie den Film Bienvenue chez les Ch’tis (Willkommen bei den Sch’tis) gesehen haben, haben die Südfranzosen recht irrige Vorstellungen über das Klima und die Mentalität der Bewohner der Region Hauts-de-France (ehemals Nord-Pas-de-Calais).

In diesem Film denken die Menschen aus Südfrankreich, dass es in dieser Region immer nur kalt und regnerisch ist, obwohl die Bretagne, die Normandie oder die Pariser Region mehr oder weniger die gleiche Sonneneinstrahlung verzeichnen. Lassen Sie uns nicht über die anderen Klischees sprechen, die diese Region mit Reality-TV, Kohlebergwerken und einer starken Vorliebe für Spirituosen verbinden!

Alle, die bereits einmal in Frankreich waren, werden festgestellt haben, dass die Zahl der Franzosen mit Barette und gestreifter Westen eher gering ist, um es vorsichtig auszudrücken. Die Baskenmütze wird hauptsächlich von den Bewohnern des Béarn und im Baskenland getragen. Die grünen Barette der Legionäre und die großen Barette der Alpenjäger gehören auch der Legende an. Die Marinière hingegen wurde eher von den Bretonen getragen.

Letztere werden oft als starrköpfig bzw. als hartnäckig wahrgenommen. Der typische Bretone verweigert sich der äußeren Autorität (Asterix der Gallier, der sich gegen die Römer auflehnte, war Bretone!). Wenn die Bretonen ihre Sprache verteidigen und stolz auf ihre Flagge sind, dann deshalb, weil sie im Laufe der Geschichte Opfer von Vorurteilen geworden sind.

Heute ist das Wort „Plouc“ ein abwertender Begriff für eine ungehobelte, ungeschickte oder schlecht gekleidete Person. Nun, inzwischen gehen einige Historiker davon aus, dass die Pariser dieses Wort zu Beginn des 20. Jahrhunderts benutzten, um Bretonen zu benennen, die in der Hauptstadt Arbeit suchen kamen … !

Jeder von uns hat daher eine bestimmte Anzahl von vorgefertigten, mehr oder weniger positiven Meinungen zu bestimmten Bevölkerungsgruppen. Und die Franzosen bilden keine Ausnahme von dieser Regel.
Einige Stereotypen über Franzosen können einen zum Lächeln bringen, weil sie so realitätsfremd sind, während andere der Wahrheit sehr nahekommen und sich rational erklären lassen. Um zu überprüfen, ob bestimmte Vorstellungen über die Franzosen der Wahrheit entsprechen, gibt es nichts Besseres, als sich selbst davon zu überzeugen.

Also, Zeit, nach Frankreich an die französische Riviera zu kommen!

Photo by: @Darren Coleshill

Geschrieben am 08.11.2018, von Jean-Luc | Kategorie Kultur & Traditionen
CIA
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