Das französische Bildungssystem

Das französische Bildungssystem

Geschrieben am 26.03.2019, von Jean-Luc | Kategorie Kultur & Traditionen

Wer sich für unterschiedliche Kulturen interessiert, weiß, dass man viel über ein Land lernen kann, sobald man sein Bildungssystem kennt. Tatsächlich offenbart die Strukturierung des Bildungswesens die politischen Entscheidungen einer Nation und vermittelt uns ihr historisches und kulturelles Erbe. Aber was sind die Merkmale und Besonderheiten des französischen Schulwesens? Was sind die verschiedenen Stufen des Bildungssystems und wie ist das allgemeine Bildungsniveau?

Die Grundzüge des französischen Bildungssystems

In Frankreich wird der Begriff „Ministère de l’Education nationale“ seit 1932 verwendet, während dieses Ministerium nach der Revolution den Namen „Ministère de l’Instruction publique“ erhalten hatte. Das Schulwesen hatte somit das Verdienst, öffentlich und nicht-konfessionell zu werden, im Gegensatz zur Wissensvermittlung der konfessionellen Einrichtungen. Doch wurde mit dem Konzept der „Bildung“ (Éducation) ein ehrgeizigeres Ziel eingeführt: das der geistigen und ethischen Ausbildung. Die Emanzipation des Kindes, die Förderung eines soliden kritischen Geists und die Heranziehung zu einem verantwortungsbewussten Bürger waren dabei die neuen Zielsetzungen.

Gemäß einem Gesetz von Jules Ferry aus dem Jahr 1882 ist in Frankreich der Schulbesuch ab dem sechsten Lebensjahr vorgeschrieben und muss seit 1959 bis zum sechzehnten Lebensjahr fortgeführt werden, wobei er nicht-konfessionell geprägt ist und kostenlos sein muss. „Die Nation garantiert allen Kindern und Erwachsenen den gleichen Zugang zum Schulwesen, zur Berufsausbildung und Kultur„, heißt es in der Präambel der Verfassung von 1946.

Die Laizität als Grundprinzip des Schulsystems in Frankreich impliziert die Trennung von Kirche und Staat, sodass jegliche konfessionelle Bekehrung und das sichtbare Tragen religiöser Symbole untersagt sind. Was die Lehrkräfte betrifft, so müssen sie neutral gegenüber ihren persönlichen politischen, weltanschaulichen und religiösen Ansichten auftreten, auch wenn sie bei ihren pädagogischen Entscheidungen einen gewissen Handlungsspielraum haben. Darüber hinaus gibt es keinen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen.

Das französische Schulwesen

Zwischen zwei Monaten und drei Jahren können die Eltern ihr Kind einer Krippe, einer Kindertagesstätte oder einem Kindergarten anvertrauen. Der eigentliche Schulbesuch beginnt mit der dreijährigen Vorschule (École maternelle), die als sogenannter „erster Lernzyklus“ bezeichnet wird. Im Alter von drei Jahren kommen die Kinder in die Vorschule: Damit beginnt ihre lange Schullaufbahn! Die jungen Kinder beschäftigen sich vor allem mit manuellen Tätigkeiten. Sie werden für die Sprache, den künstlerischen Ausdruck (Zeichnen, Lieder, Kinderreime, Tanz …) sensibilisiert und ihnen wird der soziale Umgang vermittelt.

Verwechseln Sie nicht den Kindergarten (Jardin d’enfants) mit der Vorschule. In Frankreich sind dies zwei verschiedene Einrichtungen. Die Kindergärten, auf halbem Weg zwischen Krippe und Vorschule sind öffentliche oder private kostenpflichtige Einrichtungen für Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren. Die Vorschule hingegen ist eine Art Vorbereitung auf den Einstieg in den Vorbereitungskurs.

Nach der Vorschule besuchen die Kinder fünf Jahre lang eine Grundschule, die unter kommunaler Obhut stehen. Diese Schule umfasst den Vorbereitungskurs (CP), den Grundkurs (CE1 und CE2) sowie den mittleren Kurs (CM1 und CM2).

Nach der Grundschule (zu der somit die Vor- und die Elementarschule gehören) besuchen die jungen Franzosen die Sekundarschule, die sich aus der Mittel- und Oberstufe zusammensetzt. Die Mittelstufe dauert vier Jahre (sechstes, fünftes, viertes und drittes Schuljahr), sie endet mit der ersten offiziellen Prüfung: der mittleren Reife (Diplôme national du Brevet). In der sechsten Klasse beginnen die Schüler, ihre erste lebende Fremdsprache zu lernen. Dies ist ein wichtiger Moment, denn erst am Ende der dritten Klasse können die Schüler zwischen einem berufsorientierten und einem allgemeinbildenden Leistungskurs wählen. In Frankreich sprechen wir von einer „einheitlichen Mittelstufe“, da alle Schüler der gleichen Altersgruppe im Prinzip ein und dieselbe Ausbildung erhalten: Ziel ist es, die Wissensvermittlung zu demokratisieren, sodass jedes Kind die gleiche Bildung mit auf den Weg bekommt.

Auf dem Gymnasium (Lycée) bleiben dann noch drei Jahre, bis sie das Abitur (Baccalauréat oder kurz Bac) machen, eine wichtige Prüfung im französischen Schulsystem. Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen wählt das allgemeinbildende Gymnasium, das geisteswissenschaftliche (L), naturwissenschaftliche (S) oder wirtschaftliche (ES) Leistungskurse anbietet. Man kann sich dabei zwischen einer allgemeinbildenden, einer technologischen oder einer berufsorientierten Ausbildung entscheiden. Die Lehrpläne und die Prüfungen des Bac sind landesweit identisch: Egal, ob Du in Nizza oder in Lille wohnst, am Tag der Prüfung sind alle Fragen und Themen dieselben. In Frankreich lag die Erfolgsquote beim Bac 2018 im Durchschnitt bei 88,3 % – nicht schlecht, oder?

Einige Besonderheiten des französischen Schulwesens

Was die Ferien anbetrifft, so finden sie alle sechs Wochen statt: Stets eine wohlverdiente Ruhepause, denn in Frankreich sind die Schultage lang! In der Grundschule sind dies mindestens 24 Wochenstunden, wobei die Schüler morgens und nachmittags Unterricht haben. Die Sommerferien dauern etwa acht Wochen, was ein guter Durchschnitt ist. Damit sollten wir uns schließlich nicht beklagen (aber vergessen wir nicht, dass die Kinder in Italien und Russland drei Monate Ferien haben!)

Auch wenn das Land eher zentral regiert wird, so umfasst das französische System etliche Akademien (insgesamt dreißig). Darüber hinaus gibt es regionale Zonen (A, B und C), für die unterschiedliche Ferientermine gelten. So sind wir in Antibes Teil der Akademie von Nizza und gehören zur Zone B, wie zum Beispiel Straßburg und Lille.

Und wie genau funktioniert das Hochschulwesen? Sobald man das Bac in der Tasche hat, bieten sich mehrere Optionen. Die Abiturienten können sich an der Universität für einen allgemeinbildenden (Geisteswissenschaft, Recht …) oder technischen (Institut Universitaire de Technologie …) Studiengang einschreiben oder aber sich zu einer Vorbereitungsklasse der sogenannten Grandes Ecoles (Ecole Normale Supérieure, Militärakademie Saint-Cyr …), in einer Wirtschafts- oder Ingenieursschule … anmelden. Wie die anderen europäischen Länder hat auch Frankreich ein dreistufiges Hochschulwesen (Bachelor, Master, Promotion) eingeführt, um so die Mobilität der Studenten zu fördern. Der Bachelor-Abschluss entspricht somit einem Bac+3-Niveau, der Master-Abschluss einem Bac+5 und die Promotion einem Bac+8. Zudem sind die Studiengebühren an der Universität relativ niedrig: Während an einer privaten Business School Studiengebühren zwischen 8.000 und 15.000 Euro fällig werden, kostet die Immatrikulation an einer Fakultät zum Master-Abschluss durchschnittlich nur 250 Euro.

Geschrieben am 26.03.2019, von Jean-Luc | Kategorie Kultur & Traditionen
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